The
Driving
Factor

25%

TAUBE ERDE

Zum Akkumulations-Paradox oder, die Verwertungszyklen des Abraums in einer gewöhnlichen Bergbauregion - Logbook einer Tour


Schauplatz

Über- und unterirdische Landschaften, die von geologischen und anthropogenen Eingriffen erzählen. Landschaften, die durch die Wechselwirkungen von Menschen und Maschinen, Schneeschmelzen und Hochwasser, Birken, Pilze und Salweiden, stetig verwandelt werden. Zuweilen gespenstisch, jedenfalls durchlöchert, bleiben sie ambivalent.
In naher Zukunft soll in Zinnwald Lithium gewonnen werden. Lithium: jahrhundertelang kaum beachtetes Nebenprodukt des Abbaus von Silber, Zinn, Wolfram, zieht heute ausgerechnet das lila glitzernde Erz eine Investorengruppe nach der anderen ins Erzgebirge an. Dabei ist das Fördern unter Tage viel aufwendiger und teurer als—etwa—in den Salaren Boliviens, Chiles, oder Argentiniens. Neue Technologien und gute Arbeitsbedingungen werden die Unternehmung fairer, sicherer und überdies, auch ökologisch unbedenklich machen, heißt es.
Keine 50 km von Zinnwald entfernt befindet sich eine Hochburg des wissenschaftlichen Bergbaus. Seit dem 18. Jahrhundert wird an der Bergakademie Freiberg studiert, wie Bergbau effizienter, langanhaltender, gewinnbringender gemacht werden kann. Von hier sind Visionäre und künftige Zinnbaronen gestartet. Brachten die neuesten Verfahren in die weite Welt, tauschten sich mit Kollegen in Trondheim oder Potosí aus. Sie schöpften unsägliche Gewinne ab.

Handlung

Es sprechen: Ex-Bergleute, Historiker*innen, Kunst- und Kulturmachende, Umweltaktivist*innen; Wälder, deren Böden reich an Erzen waren und die irgendwann baumlos zurückblieben. Echos von unter Tage und vom Unterbewusstsein. Energiewende. Deutschland ist dran, ab jetzt auch mit eigenen Rohstoffen. Schlaglichter, die sich in bruchstückhaften Kartierungen zusammenstellen lassen. Die eigenen Rohstoffe. Lässt sich die Utopie der Lithium-Batterie, Spiegelbild des westlichen Anthropozentrismus, erschüttern?

Es treten hervor: sich überlappende Temporalitäten—mal die Zyklen der Jahreszeiten, mal die Erdzeitalter; mal die Halbwertszeit der Sulfate (eine von vielen Hinterlassenschaften der Agrarindustrie), mal die Reichweite der Kamera-Akkus; mal die drei Jahrzehnte von Deutschlands Wiedervereinigung. Ist es dieser temporalen Überlappung geschuldet, dass das Erzgebirge schwer greifbar wirkt? Andere Male scheint das Schwindelgefühl doch eher von der Unbestimmtheit und Unbestimmbarkeit des Untergrunds und der Topografie herzurühren. Stollen, Schächte, Tunnel, Höhlen, Gräben. Worauf laufen wir gerade? Sind die Hügel wahr? Oder sind das Halden, aus dem Abraum europaweit verstreuter Förderstellen zusammengesetzt? Schwimmen in diesem, diesem, oder diesem anderen See Partikel „tauben“ Gesteins? Wie toxisch ist das Wasser?

Foreplay

Trotz der avancierten Technologie sind die Scans der knapp vier Millionen Lichtjahre entfernten Region nicht gut aufgelöst. Glitches in der Übertragung ermöglichen keine vollständige Betrachtung. Die Fläche ist, letztendlich, winzig. Transkript—sinngemäß für Erdlinge übersetzt—der dabei stattfindenden Unterhaltung:

F 1: Gut möglich, dass sie über Druck- oder Durchflussänderungen kommunizieren: Falls es sich um ein ununterbrochenes hydraulisches Netzwerk handelt, wie es scheint, wäre eine plötzliche Druckänderung an einer Stelle überall schnell zu spüren... die Hypothese der Stoffwechsel-Impulse würden wir trotzdem noch nicht gänzlich ausschließen, Hinweise auf regelmäßige metabolische Aktivitäten gibt es zur Genüge—
F 2: Ja… und es ist weiterhin zu erörtern, ob das gesamte System nicht von elektrischen Impulsen reguliert wird. Dies ist oft der Fall auf Planet 3, obwohl die Elektrizität nicht von der Atmosphäre geerntet sondern mühsam generiert werden muss.1
F 1: Richtig. Dann gibt es diese jüngeren Wesen, die über Schrift kommunizieren… die produzieren fast in Übermaß Elektrizität, die sie dann irgendwie speichern müssen—
F 2: Eine kümmerliche Gruppe, großenteils um geschlossenen vertikalen Systemen herum organisiert. Daher vielleicht ihre geminderte Empfindlichkeit: Für die meisten nicht mechanischen Impulse scheinen sie taub.
F 1: Sie müssen sich mit merkwürdigen Prothesen und Erweiterungen helfen, bekommen die grundlegendsten Prinzipien der Symbiose nicht hin.
F 2: Es handelt sich im Übrigen um merkwürdige Lebewesen… Die Mehrheit ist schlicht damit befasst, längst normalisierte Krisen auszuhalten. Einige indessen experimentieren mit Raketen, die auf Planet 4 landen sollten, vermutlich um ihn zu kolonisieren.… sie haben ja in kürzester Zeit mehrere Systeme auf diesem Planeten schwer beeinträchtigt—
F 1: Das komplette Gegenstück zu diesen hier. Wie lange die schon ko-existieren, ist schwer auszurechnen. Wie sie Flächen abdecken und dabei in Verbindung bleiben, Verbindungen für andere herstellen, und mit ihnen Nahrung tauschen, ist einfach genial. Das kommt sehr schön zur Geltung hier, in der Region, in die wir gerade reinzoomen. Die Scans sind zwar nicht eindeutig aber alles deutet darauf hin, dass sie ein von ebensolchen kümmerlichen Lebewesen kontaminiertes Substrat binnen 30-40 Drehungen um den Großen Stern komplett neu herstellen konnten… es stimmt schon, sie bringen eine Regel des Überlebens im gesamten Sternsystem zum Vorschein: Durch Verbindungen zwischen ver- und zerstreuten, kontinuierlichen aber offenen Zellen, Räume zu gestalten und die Ko-Existenz vieler zu unterstützen—
F 2: Das beschreibt weit mehr als die Bedingungen einer gemeinschaftlichen Ko-Existenz. Dass es elektrische Signalübertragungen erlauben, Nachrichten über Nahrungsquellen, lokale Bedingungen, Systemschäden, die Anwesenheit anderer Systeme in naher Umgebung, und-und-und—zu senden… Falls auf diesem Planeten Lebensformen bestehen, die sich auf elektrische Impulse stützen und ohne hydraulische oder metabolische Funktionen auskommen, dann… dann wäre es denkbar, dass sie sich beispielsweise über Phototrophie auch auf Planet 2 unterhalten könnten… dass sie dort mit der Zeit ein Leben wieder möglich machen könnten. Die interessantesten Varianten können Photosynthese betreiben—
F 1: Die Temperaturen auf Planet 2 werden, mindestens bis das Erlöschen des Großen Sterns einsetzt, doch konstant bleiben. Für solche Temperaturen sind die von Planet 3 schlicht nicht geschaffen. Und, wir auch nicht. Es ist eine leidige Diskussion…

F 1 teilen sich vorsichtig mit [Anm. d. Übers: In der Sprache der Forschenden sind Singularpronomen nicht vorhanden, da sie wissen, dass wir alle Holobionte, Zusammenkünfte von vielen, sind]. Die Sehnsucht nach dem verlorenen Zuhause, Venus—der zweite Planet im Sonnensystem, der vom unaufhaltsamen Verdampfen der Ozeane und dem extremen Treibhauseffekt nach dem Erstarken der Sonne, zunichte gemacht wurde—stürzt F 2 regelmäßig in die Verzweiflung, gefolgt von langen Phasen der Einkapselung. Diejenigen, die wie F 1 erst im Schiff hinzugekommen sind, haben nur abstrakte Vorstellungen über die Ko-Existenz auf dem verlassenen Planeten, während sich die Erinnerungen derjenigen, die einmal dort lebten, zunehmend mit Mythen verweben. So wird F 2‘s Idee, der zu heiß gewordene Planet 2 könnte wieder belebt werden, kaum mehr verfolgt; alle Bemühungen richten sich mittlerweile der Erforschung von Bedingungen für ein interplanetares Kohabitieren. Die Intra-Wirkungen von Pilzen, Flechten und Moose auf Planet 3, der Erde, sind in diesem Zusammenhang von großem Interesse: Viele erkennen in ihnen lebensunterstützende Systeme, die mit den eigenen verwandt sind.

F 2: Allein, was wir auf Planet 3 beobachten, widerlegt diese Behauptung! Diese Varianten können absolute Extreme überstehen, ob hohe Strahlen oder Flüssigkeitsmangel. Sie versetzen sich in einen Zustand des Scheintods und, wenn ihr Gewebe dehydriert ist, richten ihnen extreme Temperaturwechsel und sogar die hochreaktiven freien Radikale, die ja die gefährlichsten Folgen der kosmischen Strahlung sind, keinen großen Schaden an.2 Außerdem können sie Photosynthese betreiben, und zwar über einen ihrer zwei Symbionten. Das sind Bündel möglichen Lebens! Doch statt in Symbiose mit ihnen zu treten, scannen wir das Sternsystem, um nach den fortschrittlichsten Kommunikationsformen und „Synergien“ für künftiges „nachbarschaftliches Leben zwischen den Sternen“ zu suchen. Unfassbar!!
F 1: Es ist nicht ganz so... die Community hat sich lange mit diesen Fragen beschäftigt und unabhängig von den geringen Aussichten auf Erfolg beschlossen, dass es eher in Einklang mit unserer Ethik ist, zwischen den Sternen und Planeten zu leben, also, diese zu verbinden ohne sie zu besetzen—
F 2: Unsere interstellare Mobilität hat uns kommunikativer gemacht, aber wir sind nicht glücklich. Für die, die erst nach der großen Katastrophe gekeimt sind, mag die Gravitationskraft eine mechanische Operation des Schiffes sein, allerdings ist das Gefühl, an etwas gebunden zu sein… und dadurch mit allen, aber wirklich allen anderen verbunden… das Gefühl ist einfach wunderschön. Es ist ein Gefühl, das tröstet und Halt gibt. Daher können wir nicht aufhören, zu hoffen und daran zu arbeiten, dass Leben auf unserem Planeten wieder stattfinden kann: Selbst wenn dies manche Überraschung mit sich bringen sollte, selbst wenn wir nach der Sympoiesis nicht mehr sein sollten, wie wir bisher waren. Wir sind nicht, und waren eh noch nie, „eins“, geschlossen, fertig.

1. Von Altenberg bis Zinnwald

Skizze zur topographischen Lage des Bergbaugebietes von Altenberg - Zinnwald.
Quelle und Credit: www.unbekannter-bergbau.de

T 1: Erzgebirge, Zinnwald, Freiberg, Muldenhütten. Aschergraben,3 Quergraben,4 Grenzgraben. Schon an den Toponymen wird klar, welche Rolle der Bergbau bei der Produktion dieser Landschaft spielte…
T 5: Auch der Name der Stadt Freiberg geht darauf zurück: Damals wurde ein Berg als frei für jeden erklärt, der dort Silber gewinnen wollte.
T 2: Von dem Berg wiederum, aus dem das Zinn in Altenberg bis 1991 gefördert wurde, ist lange schon kaum mehr etwas übrig. Schaut rechts, hier ist die Pinge: von der Straße aus gesehen eine übergroße, leicht gewölbte rote Wand, vom Europark aus eine Schramme in der Landschaft—und auf der Karte ein Krater!
T 3: Ein Krater, der über einem noch tiefer liegenden Labyrinth aus Tunneln, Stollen, Schächten, sitzt und davon teilweise umgeben ist...
T 5: Die Pinge war regelrecht durchlöchert, Menschen und zum Teil ganze Zechen fielen ihr durch das 16., 17. und 18. Jahrhundert hindurch immer wieder zum Opfer. Doch schien dies die Fördertätigkeit eher zu bestärken. Selbst die immensen Schäden des historisch größten Bruchs, 1620, hatten keinen Einfluss auf die Extraktion. Mit der Gründung der Gewerkschaft wurde letztere im Gegenteil immer professioneller.
T 1: Die Gewerkschaft verhandelte ja die Förder- und Abgabebedingungen mit Sachsens Kurfürsten und verwaltete, neben dem Bergwerk selbst, die Pochwerke, in denen das gewonnene mineralhaltige Gestein zerkleinert wurde, das Wassersystem, welches diesen Wasser zuführte—also die zwei Kunstteiche, den Aschergraben und das Kunstrad—sowie die umliegenden Wälder, aus denen das Holz zum Feuersetzen und zur Befestigung der Gruben geliefert wurde, zumindest bis diese ausgeschöpft waren.
T 5: Es war die Gewerkschaft, die im 19. Jahrhundert den Bau des Römerschachts veranlasste, über den das Gestein bis zur Stelle des heutigen Bergbaumuseums transportiert wurde.
T 3: Dass die komplette Landschaft vereinnahmt war, scheint mir klar: Schon vor seiner kapitalistischen Hochskalierung war der Bergbau kein Wirtschaftszweig sondern ein ausgefeiltes ökonomisches System. Die Erze wurden nicht einfach gewonnen und wegtransportiert, wie in Potosí und anderen kolonialen Protektoraten, sondern regional weiterverarbeitet. Die gesamte Bevölkerung war in dieses System integriert.

→ Extraction→ Landscape→ Renaturing Lucy R. Lippards “Undermining, a book full of dirt”.

T 4: Ja… mich hat es sehr beeindruckt, wie viele anderen Berufe neben dem „Bergmann“ mit der Erzförderung zusammenhingen. Von den Holzfällern, Zimmerleuten und Maurern, über die Träger*innen und Hütten-Arbeiter*innen—oft Frauen und Kinder—die das Zinn wuschen, bis hin zu den Schmieden, Glasbläser*innen und Porzellanmacher*innen…
T 1: Das heutige Verständnis vom Bergbau ist durch die chronische Überrepräsentation der heldenhaften Bergmänner, aber auch durch Unterrepräsentation verstellt: Schlicht unterrepräsentiert sind die ökologischen und ökonomischen Umfelder, zu denen Frauen, Kinder, Migrant*innen, Zwangsarbeiter*innen und selbstverständlich, die Natur zählen.
T 5: Die Reife dieses Wirtschaftssystems, seine prägende Rolle für Territorium und Gesellschaft, war schlussendlich das Hauptargument für die Ernennung der „Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří“ zum UNESCO-Weltkulturerbe.5 Deren Besonderheit betrifft weder spezifische landschaftliche Qualitäten, die Wasserwirtschaft, einzelne Bergstätte oder Berghütten, noch das feine Handwerk oder die Städte, die im Zusammenhang mit dem sächsischen Bergbau florierten: Es geht um den Gesamtkomplex.
T 2: Hat die positive Reaktion der Bevölkerung auf die in Aussicht gestellte Wiederaufnahme des Bergbaus in Zinnwald zum Zweck der Lithiumförderung mit dieser „Gesamtheit“ zu tun? Bisher dachte ich einfach, die Menschen werden von der Idee verzaubert, dass Lithium für „die gute Sache“, die Energiewende, benötigt wird.
T 6: Und damit für die reibungslose Produktion von Dingen, ohne die wir im Alltag nicht mehr auskommen würden: Handys, Laptops, Pacemakers, e-Scooters, etc.

T 2: ...aber hier, wo Generationen vom Bergbau gelebt haben und die Wiedervereinigung dessen abruptes Ende—oder sollte ich sagen: seine letzte vorläufige Unterbrechung?—bedeutet hat, muss ich mich gerade fragen... welche tieferen Fantasien ruft das Versprechen des Rohstoffabbaus wach? Kann es sein, dass sich die Menschen nicht wirklich darum scheren, was extrahiert wird und wofür, aber mit dem Bergbau eine soziale Einbettung, einen Zusammenhang mit anderen assoziieren, der mit Auswanderung, Privatisierung, Treuhand, demographischer Schrumpfung und Austeritätspolitik weggebrochen ist?

2. Wanderung durch das Bielatal

Taube Erde - Flammenfärbung, Maryam Katan, Video, 19:02 min

T 7: Mich treiben die Stop-and-Goes des Bergbau um—die wiederkehrenden Zyklen von Auf- und Abwertung, die ihn prägen. Bergbau bedeutet überhaupt kein kontinuierliches Ausgraben, Schöpfen und Ablagern: einerseits, weil die Förderung von unter Tage insbesondere vor dem Einsatz von Maschinen sehr lange Vorbereitungsphasen erforderte—40 Jahre lang einzig an einem Stollen zu arbeiten, war keine untypische Bergmannsbiografie; andererseits kommt es im Bergbau ständig zu Krisen, sowohl der Nachfrage als auch der Erschöpfung—
T 6: Um nicht von den Stopps zu sprechen, die durch logistische und infrastrukturelle Engpässe bedingt sind. Mal fehlt Holz, mal Wasser. Mal vielleicht auch Arbeitskraft. Mal sinkt die Nachfrage, ob wegen irgendeines Kriegs oder seines Endes, ob wegen Zollkonflikten oder der Konkurrenz durch billigere Import-Erze…
T 7: Bis irgendwann ein neuer Aufwertungszyklus beginnt, dessen Dauer nicht absehbar ist. Hier in Zinnwald war es im Fall des Wolframs so. Wolfram war in der Metallbearbeitung und für die Herstellung von Glühfäden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nachgefragt, später wohl auch für die Kriegsindustrie. Da seine Nützlichkeit festgestellt wurde, machten sich schnell alle dran, den aus der Zinngewinnung zurückgelassenen Abraum von Neuem auszugraben, um das in Mode gekommene Erz zu gewinnen.
T 8: ...nur lagerte dieser Abraum, oder „taubes“ Gestein, nicht immer wie in der Reichtroster Weitung vom Zinnwalder Bergwerk in der ursprünglichen Förderstelle. Oft war er in Halden vergraben, die überall in der Landschaft verteilt waren. So wurden eben die Halden nachgelesen.
T 9: Und diese alte Praxis rückt heutzutage offenbar wieder in den Blick! Die Landesregierung will künftig Nachlesen in mehreren Halden der Region durchführen. Es geht ums Lithium, aber auch um andere Erzpartikel im einstigen Abraum, die dank moderner Technologien nun extrahiert werden können—
T 7: Auf Kosten von Landschaften, in denen der Mensch jahrhundertelang herumgewühlt hat. Der Ausdruck „Run auf Rohstoffe“ nimmt beunruhigende Züge an.
T 10: Auf wie vielen Tonnen Kleinstpartikel Lithium, Wolfram, Zinn, Silber, stehen wir wohl gerade?
T 11: Und lässt sich eine Halde überhaupt erkennen? Alles hier sieht einfach schön, grün und ländlich aus!
T 9: Der Umgang mit Abraum stellt schon immer ein Dilemma dar: Wohin damit? Die Bergwerke konnten sich nur zum Teil auf Abnehmer aus der Bauindustrie verlassen; das Gros wurde nach der Wäsche aufgeschüttet, und genau diese Praxis ließ in der Hügellandschaft des Erzgebirges eine „überlagerte“ Topographie entstehen. Mit etwas Übung ist es einfach, die geologisch gebildeten Erhebungen und Täler von Halden zu unterscheiden. Letztere decken kleinere Flächen ab, füllen so zu sagen Zwischenräume; außerdem sind sie nicht mit Wald bewachsen, da die Bäume ihr Substrat nicht mögen. Durch die Ablagerung wurden alle Böden biologisch aus dem Gleichgewicht gebracht, was Flora und Fauna zum Teil erhebliche Anpassungen abverlangt hat; aber sie hatte speziell problematische Folgen bei jenem Abraum, der zwecks Erzgewinnung chemisch behandelt worden war. Rechnen wir die ohnehin hohe chemische Kontamination der Wasserläufe—ebenfalls im Zusammenhang mit dem Bergbau—und die der Felder—durch die industriell betriebene Landwirtschaft in den Nachkriegsjahren—hinzu, so könnt ihr nachvollziehen, dass dieses Gebiet vor 30 Jahren, als das Bergwerk in Altenberg endlich geschlossen wurde, völlig beeinträchtigt war. Da unten, die Spülkippe… die war damals wegen Hämatitkonzentrationen von rund 4% ein rotes totes Meer. Die Biela führte ebenfalls Eisen und andere Schwermetalle im Wasser. Allerdings: Die Natur kann sich von so etwas erholen. Das ist, was mich persönlich fasziniert. In den vergangenen Jahren ist hier ein Lebensraum nicht nur für Birken, Salweiden und Fichten sondern für diverse Neophyten und Flora-Fauna-Interaktionen mit seltsamen, unerwarteten Effekten entstanden. Hier oben, auf dem Spülkippendamm, überwintern Kröten—
T 12: Und dies ist der grünen Fee, die bekanntlich das gesamte Bielatal schützt, genauso zu verdanken wie den kleinen, unauffälligen, großenteils unterirdisch operierenden Pilzen, oder?
T 9: Das haben wir nicht untersucht, aber es liegt nahe!
T 10: Manchmal ist eine fehlende oder mangelnde Intervention durch den Menschen, vielleicht auch eine geringe menschliche Bevölkerungsdichte, für nicht-menschliche Bevölkerungen zu wünschen. Es eröffnen sich dann fast von selbst Erholungsmöglichkeiten, Räume des symbiotischen Experimentierens.
T 12: Vielleicht ist dies ein zu optimistischer Gedanke in Zeiten schrecklicher und irreparabler Zerstörungen… aber lehren diese Landschaften, die aus Plottifizierung, Monokultur, Extraktion, hervorgehen, nicht genau, dass die künftigen politischen Bewegungen menschliche und nicht-menschliche Aktionen vereinen sollten? Und sind sie nicht deswegen Landschaften, die alle sich genauer anschauen sollten?

3. Vor Muldenhütten

T 5: ...Muldenhüttens historische Anlage—mit Hütten, Graben und Halde—wäre ohne die Entwicklung des wissenschaftlichen Bergbaus in Freiberg nie zustande gekommen. An der Bergakademie wurde wichtiges Wissen für den Bergbau zusammengetragen und erweitert: zum einen Wissen über Ablagerungstechniken und die chemisch-physikalische Verarbeitung der verschiedenen Erze, zum anderen wurden die Disziplinen der Wasser- und Forstwirtschaft gegründet. Das wiederum hatte damit zu tun, dass die ökologischen Reproduktionskapazitäten durch die Jahrhunderte Erzförderung völlig ausgereizt waren; die sächsischen Regierenden mussten zusehen, dass sie etwas für die Grundlagen ihres Reichtums tun—
T 3: Dieses Wissen hat weit über Sachsen hinaus technologischen Fortschritt und im Laufe der Zeit, eine globale Industrie befördert. Kolonialländern und -herren diente es dazu, Ressourcen in Gebieten zu erschließen und zu extrahieren, deren soziale, wirtschaftliche, ökologische sowie kulturelle Grundlagen später schwer beschädigt zurückgelassen wurden. Und im dekolonisierten Alter wird von Politikern und vielen Menschen, selbst in diesen Gebieten, meistens kritik- und fraglos angenommen, dass dieses an technischen Unis, Think-Tanks und Start-Ups geschöpfte Wissen überlebenswichtig ist. Das ist das Verwunderlichste.
T 14: Du drückst dich fast zu nett aus, wir sprechen von einem völlig perversen Wissenschafts- und Technikglauben! Solches Wissen, und das Bergbau-Wissen in besonderem Maße, hatte noch nie die Ökologie im Visier. Auch heute begründet es bloß Rehabilitations-, Renaturierungs- und Rückgewinnungsprogramme, den Handel mit grünen Anleihen, und die dubiösesten Aufforstungsgeschäfte. Übrigens finden diese Operationen mittlerweile nicht nur in den ehemals kolonisierten Ländern statt, sie gehören auch auf Europas Territorium zur Routine.
T 15: In Deutschland wird das am Bundes-Immissionsschutzgesetz deutlich. Es ist nicht zuletzt diesem Gesetz zu verdanken, dass in Brandenburg Stücke von Wald für den Bau der Tesla-Gigafactory problemlos gerodet werden durften: Elon Musk musste sich nur dazu verpflichten, an anderer Stelle eine ebenso große Fläche aufzuforsten—
T 10: Wald weg hier, Wald hin dort, wie im Computerspiel.
T 7: Extraktivismus ist nicht bloß eine kolonialistische Logik. Er ist eine Strategie mit planetarischen Auswirkungen, und zwar eine Strategie des paradoxen Akkumulierens. Ein paar Leute bzw. Konzerne akkumulieren blind Mineralien und Gewinne—was für andere tagtägliche Enteignung, Ausgrenzung, erzwungene Migration bedeutet und für die Umwelt die verschiedensten Schäden zur Folge hat—und was entsteht dabei? Es akkumuliert sich eine ganze Menge Müll: Abraum, Verschmutzung, Kontamination, die alsbald unverwaltbar werden.
T 8: Es ist vielleicht dieses Akkumulations-Paradox, das die Landschaft so unheimlich macht. Haben Halden wie diese hier, auf der wir gerade gehen, nicht etwas Unheimliches an sich?
T 17: Sie ist unheimlich, aber auch absurd... absurd, meine ich, wie die Bezeichnung „taubes Gestein”. Es heißt, in den Halden liegt taubes Gestein begraben, dabei steht „taub“ für unnütz, wertlos. Doch ist dieser „Abfall“ in der Geschichte des Bergbau mit seinen Zyklen der Auf- und Abwertung immer wieder von Neuem nachgelesen worden.
T 17: Unser Sinn für die verschiedenen Zeitlichkeiten, aber auch für die Wandelbarkeit, der Ökologie samt ihrer Zusammenhänge ist definitiv zu gering ausgeprägt. So denken wir zu kurz und orientieren uns an einer Wissenschaft, die lediglich technologische Lösungen für Probleme verspricht, die weit komplexer sind.
T 18: Hmm, was heißt „wir“ und was heißt „Wissenschaft“ hier? Der Wissenschaftsbetrieb ist weiterhin westlich und männlich, das heißt, von westlichen und männlichen Macht- und Denkstrukturen dominiert. Dazu verwickeln finanzielle Abhängigkeiten und institutionelle Zwänge viele Forschende in Regimes, welche die vermeintlich freie wissenschaftliche Erkenntnis hinter die Teleologie der herrschenden Klasse stellen, und die „wertneutrale“ Technik der ungestörten Selbstverwertung des Kapitals dienlich machen —
T 15: Nichts anderes verkörpert Elon Musk, der in Lithium-Ionen-Batterien und RNA-Impfstoffen investiert, während er gleichzeitig—für den Fall eines Scheiterns—die Erforschung des Mars für künftige Kolonisierung sponsert.
T 19: Auch mit seinem SpaceX wird sich nicht jede* mobil machen können: Die Ausschlüsse werden reproduziert. Dieser im Tiefsten hoffnungslosen und desillusionierten, traurigen Wissenschaft stehen allerdings schon jetzt andere Wissensformen und Technologien gegenüber… wir brauchen viele Imaginationen, viele teilbare, vergemeinschaftbare Ideen—und wir sollen diese besser zirkulieren, wenn wir wollen, dass sie eine Chance haben!

Coda – Linien im Sternenhimmel
von Elisa T. Bertuzzo

Southern Ring Nebula, gesehen vom James Webb Space Telescope.
Quelle und Credit: Orsola De Marco et al., "The messy death of a multiple star system and the resulting planetary nebula as observed by JWST", Nat Astron 6, 1421–1432 (2022)

Es gibt wenig Dinge aus meiner Kindheit, an die ich mich mit mehr Zärtlichheit erinnere, als die Sommernächte auf der Terrasse, mit meiner Mutter. Unsere Terrasse schaute nach Norden und fast immer, wenn wir uns zu ihr hinsetzten, hieß sie uns willkommen indem sie auf den piccolo carro, den kleinen Wagen, zeigte. Ganz am Ende war die stella polare, der Nordstern, „der für die Seeleute wichtig ist“, sagte sie immer wieder. Ich bin sicher, dass es mit ihm und mit meiner Mutter zu tun hat, dass ich mit meiner sonst schlechten Orientierung nachts immer gut nach Hause fand. An besonders klaren Nächten war sie bemüht, uns mit der gesamten Konstellation, dem großen Wagen, vertraut zu machen. Sie heißt orsa maggiore, „größere Bärin“, auf Italienisch, wahrscheinlich in Erinnerung an den griechischen Mythos, nach dem Kallixtus hier verewigt ist. Ich tat allerdings nur so, als ob ich sie erkannte, um meiner kleinen Schwester zu imponieren. Damals wollte ich Astrophysikerin und Astronautin werden—und plötzlich erinnere ich mich jetzt auch an die vielen Winterabende, die ich in überhaupt nicht für mein Alter geeigneten Atlanten und Enzyklopädie-Bänden versunken verbrachte. Was ich jedenfalls schon damals kapierte, war dass die Konstellationen, die meine Mutter faszinierten, „nicht so wirklich“ existierten.

Menschen haben den Objekten am Himmel schon immer große Bedeutung beigemessen und Geschichten um sie herum gesponnen. Sternenmuster haben griechische, aztekische und römische Mythen inspiriert, die weit mehr als nur in Mangas und Horoskopen weiter leben. Ich habe gelesen, dass Archäolog*innen nicht wenige Markierungen an den Höhlenwänden von Lascaux, Südfrankreich, für astronomische Bilder halten: Die Sterne im Nachthimmel waren also schon vor etwa 17000 Jahren so wichtig, dass Menschen ihr Angesicht festhalten wollten. All diese Bilder entstanden dadurch, dass imaginäre Linien zwischen Sternen gezogen wurden. Linien, die nicht existieren, zwischen Sternen, die nicht miteinander verbunden sind und meistens nicht mal zum selben Sternsystem gehören, sondern Lichtjahre voneinander entfernt liegen (oder hängen, oder schweben). Im Weltall. Linien, die ermöglichen, Geschichten über Dinge zu erzählen. Ähnlich imaginär und geisterhaft sind Vermessungslinien—die Verbindungslinien zwischen Triangulationspunkten, zum Beispiel—und geodätische Linien—das Gitter der Breiten- und Längengrade, die Linien des Äquators, der Wendekreise und der Polarkreise. Dass mir die Weltkarte so vorkommt, als hätte jemensch eine Schnur zwischen Punkten gespannt, verrät nichts anderes als ihren Entstehungsprozess, denn genau darin bestanden die frühesten praktischen Versuche, die Erde zu vermessen. Die Grenze zwischen „gedacht“ und „real“ verpufft manchmal bei Linien. So sind Meridianlinien (in der Akupunktur „Adern“, die durch unseren Körper verlaufen) für die westliche Medizin völlig fiktiv, wohingegen sie für Praktiker*innen traditioneller chinesischer Medizin echte Fäden sind, die Energie durch unseren Körper leiten.

→ Cohabitation→ Renaturing Eine “Geschichte der Linien” von Tim Ingold

Die Linien, die Zeitzonen abgrenzen und den Luftraum oder die Fischereigewässer unterteilen, sind imaginär… bestimmen jedoch das alltägliche Leben und Überleben von Millionen. An ihnen, wie dem Ausdruck Linien ziehen, haftet eine überhaupt nicht harmlose Bedeutung an. Eine Linie ziehen kann bedeuten, dass ich eine Zeichnung beginne, eine gedankliche Verbindung herstelle, oder, auch, dass ich eine Grenze setze und damit über Ein- und Ausschlüsse entscheide. Linien diesen Typs haben mit der Tendenz vieler Lebewesen inklusive Pflanzen zu tun, Territorium zu markieren; werden sie streng genommen, qua Grenzen, sind sie letzten Endes zum Scheitern verurteilt. Grenzen im anthropomorphen Verständnis sollten die Mobilität von Tieren, Pflanzen, Keimen, kontrollieren, oft negieren; Gewalt ist ihnen inhärent. Dabei haben besonders Menschen über Jahrtausende hinweg genau Linien, Sternbilder und Geschichten genutzt, um sich zu bewegen.

In westlich geprägten Logiken besteht Kontinuität zwischen linearem Denken und der Idee von Fortschritt. Linear zu denken, bedeutet in einer gewissen Ordnung zu denken, meistens in eine Richtung. Rückschritte sollten vermieden werden. Wäre ja schrecklich, ein Zeitverlust, etwas erneut machen oder überlegen zu wollen... sowas heißt, in einer solchen Logik, „Fehler“. Wie oft ich mich später im Leben über Ausdrücke wie gerade gehen, nach vorne schauen, Platz halten, wundern sollte… warum doch statt in einer einzigen, in vielen Richtungen schreiten, in vielen, am besten nicht nur menschlichen, Tempi und, vor allem, zusammen? Nichts anderes als das tun wir wenn wir tanzen: Wir zeichnen Linien in der Luft, krumme und kurvige, Loops. Wechseln Rhythmus, ob zu der Musik oder mit den tanzenden Körpern vieler. Werden wir müde, lassen wir uns endlich auf die Wiese fallen. Dann merken wir, wie die Gräser Linien am Himmel zeichnen und uns ungeahnt mit anderen verbinden.

With: Tour-Teilnehmer*innen, Helmuth Albrecht (TU Bergakademie Freiberg), Ana Alenso, Aurora Castillo, Oscar Choque (Ayni, Verein für Ressourcengerechtigkeit e.V.), Maryam Katan, Andrea Riedel (Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg), Jens Weber (Grüne Liga Osterzgebirge e.V.), The Driving Factor.